Ein kurzer, spontaner Törn mit unvergesslichen Eindrücken.

Dezember 2018. Mich plagt eine heftige Erkältung die mich für zwei Tage ins Bett zwingt. Doch rumliegen und nichts tun ist eine Qual. Ehe mich die Sorgen des Alltags grämen mache ich mir Gedanken wo es für den Sommerurlaub hingehen könnte. Der erste kleine Familienurlaub mit unserem zum damaligen Zeitpunkt vier Monate jungen Sohn. Mich sehnt es nach etwas Ruhigem und Idyllischem. Kein Flug und keine Hitze. Keine große Planung und Organisation. Irgendwo am Wasser wäre ein Highlight. Die Wahl fällt auf die Nordsee. Keiner von uns hat bisher das Watt bereist. Im Bett liegend recherchiere ich die Gegend am Smartphone. Die kleinen Siel Ortschaften in Ostfriesland haben es uns angetan. Ich buche noch im Liegen ein Ferienhaus in Dornumersiel. Vom Garten aus sieht man direkt auf den Deich und vom Strand fällt der Blick auf die vorgelagerten Inseln wie Langeoog oder Baltrum. Ich sehe uns bildlich am Deich radeln, im Strandkorb faulenzen oder im Watt herum stampfen. Und segeln? Seit mich diese Leidenschaft gepackt hat, kann ich mir keinen Urlaub am Wasser ohne meinem Hobby nachzukommen mehr vorstellen. Ich vertraue meinem Instinkt, mich hierfür wenige Wochen vor unserer Anreise kümmern zu können. Ein kleines Kajütboot oder eine Jolle sollte man dort oben sicher ausleihen können. Wenn ich mich da nicht täuschen sollte…

Der Urlaub rückt näher und ich finde keinen Vercharterer. Weit und breit keine Segelschule und kein Bootsverleih. Ich kontaktiere meine Vereinsmitglieder und schreibe den Besitzer des Ferienhauses an. Jedoch ohne Erfolg. Ich gebe kurz vor dem Urlaub schon fast auf. Da kommt mir die Idee zur Mitsegelmöglichkeit. Ich schreibe an die Vorstände der drei Segelvereine in den Yachthäfen vor Ort und Frage zum Mitsegeln an. Unerwartet bald bekomme ich eine Rückmeldung. Es ist Ole, Vorstand des SVH Bensersiel. Er bietet mir an im Verein herumzufragen und wir verbleiben uns telefonisch zu Beginn meines Urlaubs genauer abzustimmen. Je nach Wetter und Tide.

Der Urlaub steht an. Samstag 13.07. Abfahrt um 6 Uhr morgens. Die 699 Kilometer von Wendelstein nach Dornumersiel verlaufen ohne Stau und Zwischenfälle. Das Ferienhaus ist schick und gemütlich. Die Gegend wie erwartet friesisch. Der Wind pfeift mit 5-6 Beaufort, es ist bewölkt und das Meer rau. Aber die Prognosen sagen ab Mittwoch schönes Wetter vorher.

Das Telefon klingelt. Es ist Ole. „Moin…“. Er fragt was wir für Mittwoch vorhaben. Er selbst hätte Lust, nach seiner Arbeit am Nachmittag mit mir rauszufahren. Er beschreibt mir seinen Liegeplatz und wir verabreden uns für 16:30 Uhr direkt am Steg. Die Tage zuvor fahren wir nach Bensersiel und erkunden die Gegend. Wir flanieren im Hafen entlang zu den Schwimmstegen. Ich bin über die Größe der Boote überrascht und male mir aus, welches genau es wohl sein wird.

Mittwoch 15:00Uhr. Erster Tag mit Sonnenschein, der Wind weht mit gut 2 Beaufort und es hat 22°C Lufttemperatur. Ich verabschiede mich am Strandkorb von meinen Liebsten, gehe ins Ferienhaus packe den Segelsack und fahre nach Bensersiel. Zeitig, da noch Fähr-Tickets nach Langeoog für den Ausflug am nächsten Morgen besorgt werden müssen. Da klingelt bereits das Telefon. Es ist Ole. Er sei schon am Boot. Er beschreibt noch einmal den Liegeplatz seiner „Cheerio“. Dort angekommen werde ich unerwartet offen begrüßt. Es geht gleich aufs Boot und wir machen uns dran unsere Sachen zu verräumen. „Fassbrause gefällig? Welches Segel wollen wir vorne aufziehen? …“ Wir sind auf Oles 31ft Jeanneau. Zügig wird die Yacht segelfertig gemacht und wir zwei laufen kurz nach 16:00Uhr bei ablaufendem Wasser vor Niedrigwasser aus. Es geht durch das gut betonnte Fahrwasser Richtung Langeoog. Uns kommen in der späten Nachmittagsonne die letzten Inselfähren entgegen. Sobald wir aus dem Fahrwasser ausfahren setzten wir die Segel und kreuzen bei 2-3 Beaufort  zwischen den trockenfallenden Bereichen.

Entlang an Langeoog in Richtung Baltrum. In der Ferne vorbei an Dornumersiel, wo der Rest der Familie vermutlich gerade die Sachen packt und den Strandkorb verlässt. Auf den Sandbänken sonnen sich Robben. Vereinzelt tauchen diese neben uns auf und äugen uns neugierig an. Es geht um Flinthörn herum und vor Baltum hinaus in Richtung Brandung. Die Strömung neigt die Tonnen und ich erkenne an deren Todwasser die Kraft der Strömung. Vermutlich um die 2 Knoten. Vorbei an Kardinalszeichen, welche Untiefen wie den versunkenen Kutter vor dem Weststrand Langeoogs kennzeichnen. Vor der letzten Backbordtonne nahe der Brandung, die den sicheren Bereich zwischen den Inseln kennzeichnet drehen wir um und machen uns auf den Rückweg. Wir reden über Alltägliches, unsere Familien, Berufe und das Segeln. Ole erzählt von seinen frühen Segelerfahrungen, Törns nach England und den Vereinsausfahrten nach Helgoland.  

Vor Flinthörn ankern nun verträumt Segler in der Abendsonne im Päckchen. Oles Idee, eine Runde im Yachthafen von Langeoog zu drehen, verwerfen wir kurzfristig, als hinter der Außenmole der Tiefenmesser plötzlich weniger als 5ft lotet.


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Wir segeln mit Bordmusik gemütlich durch das Fahrwasser zurück nach Bensersiel. Vorbei an Wattwanderern, die uns zuwinken und im Sonnenuntergang fotografieren.


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Wir gleiten bis in das innere Hafenbecken und holen dort erst die Segel ein. Es ist noch immer Niedrigwasser und beim Anfahren der Box zwischen den Schwimmstegen bleiben wir sanft im Schlick stecken. Ole kennt seine Gegebenheiten genau und nach etwas mehr Gas, pflügt der Kiel ungehindert durch den weichen Grund. Wir legen kurz nach 21:00Uhr und 14,3sm an und vertäuen das Boot wieder sicher in der Box.

Ein kurzes unerwartetes Erlebnis mit tollen Eindrücken. Ich kann es immer noch nicht fassen, wie sich meine kurzfristige Anfrage entwickelt hat. Die Offenheit, Großzügigkeit und das Vertrauen, mich seine Yacht den ganzen Schlag größtenteils selbst steuern zu lassen. Wenn man die Geschichte von Ole kennt wird einem bewusst woher dieses Verhalten rührt. Für mich ein unvergessliches Erlebnis mit einem tollen Menschen, von dem ich nicht nur seglerische Erfahrungen mit nach Hause nehme.

Das Vereinsheim hat bereits geschlossen und es wird schnell kühl und dämmert bereits. Wir tauschen uns noch kurz aus und ich versuche mich anerkennend zu zeigen, was als Selbstverständlichkeit abgelehnt wird. Ich biete ihm an, ebenso bei Interesse eines seiner Vereinsmitglieder, für Segeln an unserem Heimrevier jederzeit zur Verfügung zu stehen. Wir verabschieden uns am Auto. Für Ole geht es als Polizeibeamten morgen früh wieder zum Dienst. Und für mich geht es wieder weiter, in einem tollen Familienurlaub mit unvergesslichen Erlebnissen und Eindrücken von Land, Meer und Menschen.

(Ole Eden an der Pinne seiner Cheerio)

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Christopher Eismann 31.07.2019